Aufwachen
von Alan Lowen
†bersetzung: Susann
Pasztor
Ich mšchte mich fŸr den
ganz gewšhnlichen Zustand des Wachseins aussprechen. KŸmmer dich nicht um
Erleuchtung! In meinem Leben und bei meiner Arbeit bin ich einer Menge Leute
begegnet, die viel mit ihrem spirituellen Bewusstsein beschŠftigt sind. Nicht,
dass ich die Suche schlecht machen mšchte. Wir alle mŸssen auf diese Reise
gehen. Aber es gibt eine Art, sich damit zu befassen, die wirklich nichts
weiter als narzisstische TagtrŠumerei ist. Osho pflegte zu sagen: ãDer gefŠhrlichste
Traum ist zu trŠumen, du seist wach.Ò GefŠhrlich deshalb, weil dieser Traum uns
so einnimmt, dass wir vielleicht niemals daraus erwachen! Eines der typischen
Kennzeichen dieses Traumzustandes ist die hŠufige Anwendung des SpiritualitŠts-
und Erleuchtungsjargons, so als wŸrde die FŠhigkeit, darŸber zu sprechen,
Wachheit demonstrieren. In der Zwischenzeit, kaum bemerkt, passiert das Leben!
Am Ende gibt es keinen gro§en
Unterschied zwischen spiritueller Unbewusstheit und dem Handeln in der
Illusion, man sei spirituell bewusst. Der einzig wirkliche Unterschied –
und es ist wirklich ein Unterschied! – ist der, was du im jeweiligen Fall
mit deiner Zeit machst. Im ersteren lebst du das Leben, das von der
Gesellschaft bestimmt ist. Arbeit, Unterhaltung, Sport, Familie, Ehe,
vielleicht Scheidung, etwas Gutes tun, etwas Bšses tun und das Beste aus dem
machen – oder auch nicht –, was du an FŠhigkeiten hast, an
materiellen GŸtern, aus dem Kšrper, mit dem du geboren wurdest, und so weiter.
Im zweiten Falle tust du all jene Dinge, die dem spirituellen Erwachen dienen
oder damit assoziiert werden: Du machst deine YogaŸbungen, meditierst jeden
Morgen, ernŠhrst dich vegetarisch, denkst positive Gedanken, gehst zu
Tantra-Workshops, sitzt bei Gurus und so weiter.
Viele von uns leben
irgendwo zwischen diesen beiden ZustŠnden – wir wollen mehr als ein
Null-acht-fŸnfzehn-Bewusstsein, und trotzdem vegetieren wir zufrieden vor dem
Fernseher dahin und schauen uns ausgeliehene Filme an. Wir kšnnen bequem
zwischen beiden ZustŠnden aushŠngen, einfach weil sie nicht grundlegend
verschieden sind. Schlie§lich werden beide angetrieben von unserem Versuch, zu
bekommen, was wir wollen – ob das nun ein Leben voller VergnŸgungen ist
oder die goldene Karotte der Erleuchtung. In jedem Fall ist es das HABENWOLLEN,
das uns leitet.
Wirklich wach zu sein –
was fŸr ein Unterschied! Es hat nichts mit dem zu tun, was wir tun. Es hat damit zu tun, wie wir tun, was wir tun, wie wir unser Dasein leben.
Wach zu sein ist so einfach, dass es keinerlei †bungen bedarf. Es ist die Art,
wie wir sind, wenn wir mit all unseren Sinnen und Empfindungen in BerŸhrung
sind, mit unseren GefŸhlen, unseren Begabungen, unserer Intuition, mit jedem
GerŠusch in unserem Kšrper, das uns etwas Ÿber unsere Freuden, Sorgen, €ngste
und Verletzlichkeiten verrŠt, mit der Sehnsucht unseres Herzens, und ganz innen
mit dem unbeschreiblichen Mysterium von Seele und Geist – und
gleichzeitig hellwach sind fŸr all die Wunder dieser Hier-und-Jetzt-RealitŠt.
Wenn wir auf solche Weise
wach sind, ist unser Erleben der Existenz so reichhaltig, dass Diskussionen Ÿber
SpiritualitŠt und Bewusstsein
uninteressant werden. Gerade weil wir aber nicht wach sind, brauchen wir
etwas, um die LŸcke zu fŸllen, etwas, das uns unterhŠlt, beschŠftigt, unser GefŸhl
von Bedeutung nŠhrt. Und warum brauchen wir das? Angst. In den drei
Jahrzehnten, in denen ich Menschen – angefangen bei mir selbst –
geholfen habe, sich des ganzen Geschenks des Seins bewusst zu werden, ist es immer nur die Angst
gewesen, die im Weg stand. Wir haben viel mehr Angst davor, wer wir sind, als
wir glauben. Wir haben Angst vor unserer Grš§e und unserer Kleinheit, wir haben
Angst vor unseren BedŸrfnissen, unserer Natur, unserem Sex, unseren TrŠnen,
unserer Zartheit. Wir haben Angst vor dem Tod, wir haben Angst vor den
Gespenstern unserer unvollkommenen Kindheit, wir haben Angst vor dem
Nicht-Wissen und davor, nicht gut genug zu sein. Wir haben Angst, dass unser
Herz bricht, Angst vor Kummer und Sorgen und manchmal sogar vor GlŸck und
Ekstase. Wir haben Angst vor der Dunkelheit, Angst vor dem Unbekannten, und vor
allem haben wir Angst vor nichts. Das ist der Grund, warum spirituelle Sucher
auf die Jagd nach spirituellen Erfahrungen gehen. Gott hat verboten, dass Nichts jemals geschehen dŸrfe. Es ist immer so intensiv,
im Kreis mit den Teilnehmern zusammenzusitzen und nichts geschehen zu lassen,
wie ich es manchmal in meinen Workshops mache. Schon vor vielen Jahren habe ich
entdeckt, dass so etwas fŸr viele Leute nahezu unertrŠglich ist. Was ich
ebenfalls entdeckt habe: Wenn der Kreis nach und nach dem Raum des Nichts zu
vertrauen begann, passierten die au§ergewšhnlichsten Formen des …ffnens und des
Erwachens. Ja, aus dem Nichts heraus! Aber so ist es immer. Im Wesentlichen
geht es beim Erwachen darum, dass wir uns anfreunden mit allem, was wir sind,
mit allem, was wir in uns selbst abgelehnt haben.
Normalerweise wissen wir
nicht einmal, dass wir Angst haben. Wir sind so geschickt und geŸbt darin,
unsere €ngste zu vermeiden, dass wir Dinge Ÿber uns glauben, die tatsŠchlich
wenig Auswirkung darauf haben, wer wir wirklich sind und wie wir das Leben
wirklich erfahren. Wir denken, dass wir sind! Wie Menschen, die ein Glied ihres Kšrpers, ein
Auge oder ihr Gehšr verloren haben, lernen wir, mit weniger als unserer
Ganzheit zu funktionieren. Es mag sein, dass wir keine Ahnung davon haben, dass
uns etwas fehlt, bis – wenn wir GlŸck haben – etwas passiert, das
unsere Illusion zerstšrt. Oft ist der erste Schritt unseres Erwachens die
Erkenntnis, dass wir uns unser Leben lang zum Narren gehalten haben. Nur wenn
wir fŠhig sind, das zu begrŸ§en, wovor wir Angst gehabt haben, beginnen wir all
das zu erfahren, was die Angst in uns unterdrŸckt oder abgestumpft hat. Es ist
das Anfreunden, das uns wieder aufleben lŠsst. Wir werden lebendiger, und in
dieser Lebendigkeit kšnnen wir mehr wahrnehmen und fŸhlen.
Was ich meisten daran
liebe, ist dass Erwachen eine niemals endende Reise ist. Ich glaube, genau
deswegen sind die wirklich Erwachten auf natŸrliche Weise demŸtig. Sie suchen
nicht nach Ruhm fŸr ihre Leistung. Sie fŸhren ihren erhabenen Zustand nicht
vor. Sie sitzen nicht da und sonnen sich im reflektierten Licht ihrer
bewundernden JŸnger. Sie treten ganz gewšhnlich auf, weil sie das Sein lieben,
nicht die Anbetung! Aufzuwachen hei§t zu erkennen, dass das Erwachen
weitergeht. Es ist kein Endzustand. Es geschieht weiter, es sei denn, du
versuchst es festzuhalten und deins
daraus zu machen. Die schlichte Tatsache ist die: Alles, was du jemals sein kannst, ist im Weg zu stehen, so wie
viele selbstgemachte spirituelle Lehrer genau der Sache im Weg stehen, Ÿber die
sie reden. Spirituelles Erwachen braucht unsere klischeehaften Worte der
Weisheit nicht. Es braucht nur unser Vertrauen und unseren Mut, uns weiter zu šffnen,
fŸr immer. Liebe die Reise!
© Alan Lowen 2005