DIE EINZIGE GESCHICHTE, DIE Z€HLT

von  Alan Lowen

†bersetzung: Susann Pasztor

 

Vor etwa drei§ig Jahren, als ich Encountergruppen in England leitete und sie mit allen Trainingselementen versetzte, die ich attraktiv fand, nahm ich an einem 3-monatigen Intensiv-Workshop in London teil. Die Gruppe traf sich zweimal wšchentlich und an ein paar Wochenenden und endete mit einer 5-tŠgigen Veranstaltung auf dem Lande. Es war der letzte Samstagnachmittag jener fŸnf Tage, nur noch ein Tag blieb, und ich erinnere mich, wie trŠge die AtmosphŠre im Gruppenraum war. Jemand spielte Gitarre, und alle, einschlie§lich des Gruppenleiters, hingen herum, als wŸrde nichts weiter mehr passieren. Ich lag bŠuchlings auf einem Kissen, schaute gelegentlich den anderen zu und freute mich Ÿber die Familie, zu der wir geworden waren. Plštzlich blieben meine Augen an einer Frau im mittleren Alter hŠngen; mir wurde klar, dass ich wŠhrend der gesamten drei Monate Ÿberhaupt keinen Kontakt zu ihr gehabt hatte. Sie wusste nicht, dass ich sie ansah. Ich merkte einfach, wie sehr ich sie ablehnte – so sehr, dass ich es ihr nicht einmal hatte sagen wollen, ich wollte nichts mit ihr zu tun haben und hatte sie unbewusst aus dem Kreis herausgelšscht, sie nicht-existent gemacht! Die Tatsache schockierte mich, und ich begann in aller Stille darauf zu achten, was es an ihr war, das ich so absto§end fand. Die Erkenntnis, wen sie fŸr mich reprŠsentierte, war wie eine Bombe, die in meinem psycho-physischen System explodierte. Ich wurde verschlungen von einer schwarzen Welle des Horrors. Mein Kopf fiel auf das Kissen unter mir, und ich sank in einen Abgrund der Seelenqual, die mich immer mehr ŸberwŠltigte, bis ich mich wie aus bodenlosen Tiefen selber schluchzen hšrte. Sie war die Nonne, die das Waisenhaus leitete, in dem sie mich als kleines Kind fŸnf Jahre lang terrorisiert hatte. Wie andere Menschen auch hatte ich gelernt, die tiefsten €ngste jener Jahre zu vergraben, so dass ich Ÿberleben und funktionieren konnte, und jetzt, als hŠtte er geduldig auf diesen Moment gewartet, kam der Alptraum, in dem ich gelebt hatte, brŸllend aus der Vergangenheit hervor.

 

Ich sagte kein Wort, und ich hatte keine Angst vor dem, was mit mir geschah.  Es war als wŠre die Kraft dessen, was kam, so gewaltig, dass ich wusste, Widerstand wŠre zwecklos gewesen. Ich glaube sogar, dass ich an einem Ort jenseits des Intellekts verstand, dass ich mich nicht fŸr die Ganzheit meines Seins šffnen konnte, ohne das anzunehmen. In Wirklichkeit hatte ich mich schon dafŸr entschieden, als ich Oxford verlie§ und mein Leben dem SEIN widmete. Jedenfalls lie§ ich mich fallen – hinein in mein Gespenst von Schwester Damion. So hie§ sie. Sie war wie Schwester Ratched (die auf Platz fŸnf der Liste der grš§ten Filmschurken aller Zeiten des American Film Institute kam) in ãEiner flog Ÿber das KuckucksnestÒ. Dieser Film war im Jahr davor herausgekommen, und ich erinnere mich lebhaft daran, wie er mich gepackt und erschŸttert hatte. Es kšnnte sogar sein, dass durch ihn bereits etwas von der Erde beseitigt worden war, unter der Sister Damion begraben lag. Das Leben hat eine wundersame Art, uns zu den entscheidenden Momenten zu fŸhren – dann, wenn es darauf ankommt.

 

Es gibt einen alten Spruch: ãWenn der SchŸler bereit ist, wird der Meister erscheinen.Ò Ich glaube, ich konnte damals schon akzeptieren, dass der Meister, der Lehrer in vielen Formen kommen kann. Unser Part ist der, ihn zu empfangen, wie auch immer er kommt. Und hier war er – in Form einer Einladung, meinem Alptraum zu begegnen. Ich war nicht in meiner Vergangenheit. Meine Vergangenheit war fŸr mich auf dramatische Weise gegenwŠrtig, aber mit einem gro§en Unterschied: Ich war in Sicherheit. Ich befand mich unter Menschen, die mich liebten und mich sein lassen konnten, wie ich war. WŠhrend ich immer tiefer in meinen dunklen Ozean aus TrŠnen sank, konnte ich die PrŠsenz von jedem um mich herum im Raum spŸren. Ich wusste, sie alle waren bei mir. Ich brauchte mich nicht zu vergewissern. Ihre HŠnde waren auf mit, sanft, achtsam, und ich befand mich im freien Fall. Ich wollte mich nicht retten. Ich wollte nur den ganzen Weg hinunterfallen.

 

Es kam ein Punkt, an dem Schwester Damion und das Waisenhaus verschwanden. Ich war im Mutterleib und dann jenseits davon. Alle Bilder lšsten sich auf. Es gab nur das GerŠusch des Schluchzens in der dunklen Unendlichkeit, als hŠtte es nie etwas anderes als nur das gegeben, aber jetzt war da keine Schwere, kein Schmerz. Etwas Weiches und SŸ§es wie ein LŠcheln begann den Raum zu durchdringen, in dem ich ertrunken war. Ein tiefes GefŸhl der Belustigung schlich sich nach und nach in meine Schluchzer ein, so dass sie anfingen, Ÿber sich selbst zu lachen. Ich lachte und weinte gleichzeitig und stieg auf, stieg auf, bis ich mich wieder unter Menschen fŸhlte, ihr Lachen hšrte, das sich mit meinem vermischte, wŠhrend ihre HŠnde immer noch meinen Kšrper streichelten. Nach einer Zeit, die wie eine Ewigkeit erschien, erhob ich mein nasses Gesicht. Ich leuchtete. Ich konnte mein eigenen Glanz fŸhlen.

 

Dann passierten viele Dinge. Ich konnte alles, was ich nicht gelebt hatte, deutlich sehen, und fasste ein erheblich tieferes Vertrauen zu meiner eigenen Lebensreise. Mein Leben verŠnderte sich všllig. Ich ging nach Indien, begegnete Osho Rajneesh (in jenen Tagen hie§ er noch Bagwhan) und wurde sein SchŸler, ein Sannyasin mit einem neuen Namen – Anand Rajen – und ohne Vergangenheit. Ich verlie§ England und lebte drei Jahre mit ihm in Indien, dann auf seiner umstrittenen Ranch in Oregon, wo wir eine Stadt in der WŸste bauten. Acht Jahre spŠter lie§ ich all das los, wurde wieder zu Alan und grŸndete bald darauf die Art of Being.

 

Es gibt natŸrlich noch viele andere Geschichten, und sie gehšren zu meinem Buch. Worauf es hier und jetzt ankommt – und das ist das Entscheidende an dieser Geschichte –, ist, dass ich nie in der Gruppe darŸber sprach, was das Ganze ausgelšst hatte, auch nicht Ÿber Schwester Damion. Es war nicht notwenig. Was zŠhlte, war das tiefe …ffnen ins Sein, die es mir gebracht hatte. Derjenige, der aus dem Abgrund aufstieg, war ein anderer als der, der hineingefallen war. Im Laufe dieser drei Jahrzehnte bin ich viele Male gefallen und aufgestiegen, und jedes Mal wurde ich leichter, leichter in Bewusstsein und Geist, und leichter in der Verspieltheit und Gelassenheit, dieser mysterišse ãAlanÒ zu sein.

 

WIR ALLE SIND SOLCHE MYSTERIEN! Und der Zweck der Geschichten unseres Lebens ist der, durch sie kontinuierlich und immer ma§geblicher fŸr unser grenzenloses Potenzial gešffnet zu werden, so dass wir immer reichere und hellere Manifestationen unserer selbst werden. Das ist der Grund, warum ich in meinen Workshops keine Zeit mit Prozessen und Analysen dessen verbringe, was den Teilnehmern passiert ist. All das bringt uns nur ab vom Weg des Seins und hinein in die Klauen unserer Gedanken, in denen wir verloren gehen – gedachtes Leben! –, wo wir unbewusst vergessen, wie gro§artig und wunderbar das Leben ist, wenn wir PR€SENT sind! Nicht, dass die Geschichten selbst nicht wichtig wŠren. Die Geschichte, die zŠhlt, ist die, die genau hier und jetzt stattfindet, ob sie nun an unserer TŸr drau§en in der Existenz anklopft oder aus den Tiefen unserer inneren Welt heraufsteigt und so die Vergangenheit fŸr kurze Zeit bedeutungsvoll prŠsent erscheinen lŠsst. Hier und jetzt zu sein hei§t nicht, dass wir keine Vergangenheit hŠtten. Eine der AbsurditŠten der ãSofort-ErleuchtungsÒ-Brigade ist der Glaube, durch einen einzigen Blick oder eine BerŸhrung oder ein Wort des ãErleuchtetenÒ wŸrde sich unser ganzes Zeug auflšsen, die Vergangenheit wŠre vorbei, und wir wŸrden erleuchtet. Das ist wirklich nichts als ein hauchdŸnnes Gedankenspiel, um uns vor der Begegnung mit all dem in uns zu retten, wovor wir Angst haben. Die Freundschaft mit unseren €ngsten ist es, die uns die Segnungen bringt, nach denen wir suchen.

© Alan Lowen 2006