Liebe heilt

von Alan Lowen, GrŸnder von The Art of Being¨

Translated by Susann P‡sztor

 

Es war 1976. Ich hatte schon etwa zwei Jahre lang in London und Umgebung Encountergruppen geleitet und war dabei, mich als Therapeut zu etablieren. Erst zehn Jahre spŠter sollte ich meine Arbeit ÈThe Art of BeingÇ nennen, aber genau das war es, um das es in meinen Gruppen von Anfang an ging. Ich lehrte, indem ich lernte: Jeder Workshop gab mir die Mšglichkeit, gemeinsam mit einer Gruppe von Menschen mein Vertrauen in das Leben zu vertiefen. Es gab aber auch sehr vieles, worŸber ich nicht sprach und was ich nie mit jemandem geteilt hatte: meine inneren Wunden, verursacht durch Schmerz, Trauer, Angst, Wut und die verzweifelte Sehnsucht aus den Jahren meiner Kindheit, die ich eingesperrt in einem katholischen, von Nonnen geleiteten Waisenhaus verbracht hatte.

 

Der Kreis der Encounter-Gruppe war mein Weg zur Heilung. Er war mein Klassenzimmer, in dem ich lernte, in die Tiefen meiner Psyche einzutauchen, wŠhrend ich gleichzeitig die anderen in ihre Tiefen fŸhrte. Und ich hatte keine Ahnung, wie! Ich wusste nur, dass ich diese Arbeit liebte und sah, dass sie wirkte: Immer wieder kamen Menschen zu meinen Gruppen.

 

Meine ungeheilten Verletzungen manifestierten sich in meinem Alltagsleben, so wie bei anderen Menschen auch. Dass ich Gruppenleiter wurde, hat mir vielleicht das Leben gerettet – aber es rettete mich nicht vor dem Leben. Im Gegenteil – es konfrontierte mich mit ihm in einer Form, die ich manchmal kaum ertragen konnte. Vor allem Liebesbeziehungen waren wie ein Trip durch GlŸck und Schmerz – fŸr mich wie fŸr meine Partnerinnen. Als kleiner Junge hatte ich meine Mutter vergšttert, in jenen fŸnf Jahren im Nonnenkloster hatte ich mich in heimlicher Sehnsucht nach ihr verzehrt – und war doch gleichzeitig voll verzweifelter Wut. Diese GefŸhle bildeten den Grundstock fŸr alle meine spŠteren Liebesbeziehungen. Manchmal war ich glŸcklich, oftmals beunruhigt, und gelegentlich všllig am Boden zerstšrt. An  besagtem Wochenende war ich am Ende – und hatte eine Gruppe zu leiten.

 

Wir begannen an einem Freitag Abend. Damals pflegte ich in den Gruppen nur wenig zu sprechen. Wenn ich Ÿberhaupt etwas am Anfang sagte, dann nur, um alles Unwichtige zu unterbinden: leeres GeschwŠtz, langweilige Konversation – eben die Dinge, die Menschen tun, um sich mit Fremden sicherer zu fŸhlen. Am Samstagmorgen gab es wie Ÿblich fast keinen Austausch mehr in der Gruppe, und die AtmosphŠre war wie elektrisch geladen. Das nannte ich immer Ècooking timeÇ. Einen Teilnehmer gab es in unserem Kreis, der bisher noch schweigsamer gewesen war als ich. Am spŠten Vormittag sprach er zum ersten Mal. Es war ein Feedback an einen der Teilnehmer; ein paar einfache Worte, die mich mit ganzer Wucht trafen. Sie waren voller Liebe und Anteilnahme und so intelligent, dass sie mich zu Tode erschreckten – oder vielmehr der Mann, der sie aussprach. Sein Name war Don.

 

Einige Stunden verstrichen, die Spannung in der Gruppe nahm zu, und ich fing an, die Teilnehmer direkter und aggressiver anzugehen. Don hatte seither nichts weiter gesagt, aber ich war mir seiner PrŠsenz so sehr bewusst wie ein Vogel, der die NŠhe der Katze spŸrt. Und dann wiederholte sich der Alptraum: Er richtete einige Worte an jemanden aus der Gruppe, die WŠrme, Menschlichkeit und VerstŠndnis ausstrahlten. Ich ging weiter in meine Aggression, und innerhalb einer Stunde hetzte mich die ganze Gruppe; es war eine Fuchsjagd, und ich war der Fuchs. Am Ende hielt ich es nicht mehr aus – ich verbarg mein Gesicht in meinen HŠnden und begann zu schluchzen. Als ich wieder sprechen konnte, sagte ich: ÈDu verunsicherst mich všllig, Don.Ç

 

Sein Gesichtsausdruck war reines MitgefŸhl, als er mich ansah und sagte: ÈIch bin so froh, dass du das gesagt hast. Ich war mir nicht sicher, wie ich mich verhalten sollte.Ç Er hatte die ganze Zeit gespŸrt, was in mir vorging! Plštzlich fŸhlte ich mich geliebt wie selten zuvor in meinem Leben. Don nahm mir nicht die Leitung der Gruppe ab, obwohl er es leicht hŠtte tun kšnnen. Er unterstŸtzte mich einfach. Das Wochenende wurde fŸr alle eine wunderschšne Erfahrung. Am Ende des Workshops sagte ich ihm, dass ich ihn gern wieder sehen wŸrde. Er lud mich ein, ihn zu besuchen und mit ihm in seiner Londoner Wohnung Tee zu trinken. Es stellte sich heraus, dass Don Therapeut war, ein humanistischer Analytiker aus Kananda, der schon jahrelang Gruppen leitete. Er war auch katholischer Priester und hatte gerade sein Sabbatjahr angetreten als Kaplan an der Londoner UniversitŠt. Wir untehielten uns eine Weile, und am Ende sagte er: ÈIch spŸre den Schmerz, den du mit dir herumtrŠgst. Ich mšchte dich einladen, mir deine Geschichte zu erzŠhlen.Ç

 

Das war der Beginn einer sechsmonatigen Selbsterforschung. Drei Abende in der Woche ging ich fŸr zwei bis drei Stunden zu Don und erzŠhlte ihm alles, was es zu berichten gab: Vergangenes und GegenwŠrtiges, TrŠume, Visionen, €ngste und Begierden. Ich erzŠhlte ihm von den Tiefpunkten und Ekstasen meines Lebens, Ÿber die ich nie zuvor mit jemandem zu sprechen gewagt hatte. Von ihm lernte ich aber auch das Zuhšren und den Gebrauch meiner eigenen FŠhigkeiten. Don bewunderte mein Talent und zeigte mir, wie gut ich war. Er liebte mich und lehrte mich so, was Liebe ist. Zwei Jahre spŠter reiste ich nach Indien, um Osho, damals noch Bhagwan, zu begegnen. Als ich schliesslich vor ihm sass und er mit mir sprach, fŸhlte ich mich vollkommen geliebt – mit jeder Faser meines Kšrpers. Ich verbrachte acht Jahre in seiner NŠhe, um zu lernen und zu wachsen, bis der Tag kam, an dem ich beschloss, eigene Wege zu gehen. Von da an ging es in meinem Leben und in meiner Arbeit nur noch darum, lieben zu lernen, mit allem, was uns ausmacht.

 

Liebe ist sehr einfach. Sie ist so einfach wie ein ÈJaÇ – das Mantra des offenen Herzens. Wenn eine Mutter liebevoll ihr Kind betrachtet, sagt sie Ja zum Sein ihres Kindes. Ihr Ja bestŠrkt das Kind darin, dass es nicht nur sein Recht ist, hier zu sein, sondern dass seine Existenz eine Freude ist. Darum lieben wir es, geliebt zu werden! Es gibt nichts UnterstŸtzenderes in unserem Leben, als mit jemandem zusammenzusein, der uns vermittelt: ÈJa, ich schŠtze und akzeptiere dich; ich geniesse deine Gegenwart, und ich ermutige und unterstŸtze dich darin, so zu sein, wie du bist.Ç Das ist die Botschaft der Liebe, und darum heilt Liebe. Alle Reaktionen, die aus unseren Verletzungen kommen, mit denen wir andere verletzen und Disharmonie zwischen uns schaffen, all unsere potentiellen Gaben und Geschenke, die unterentwickelt und verborgen bleiben, all die Drogen und Ablenkungen in unseren Leben, die wir benutzen, um unsere Verletzungen nicht spŸren mŸssen oder um nicht zu sehr berŸhrt zu werden durch das Leben – all dies sind die Konsequenzen unseres Defizits an Liebe und dem Fehlen eines ÈJaÇ zu einem wesentlichen Aspekt unseres Seins. Manche von uns reagieren kšrperlich darauf und werden anfŠllig, nehmen zu oder werden anorektisch, behindert oder krank. Wir kšnnen psychisch reagieren, indem wir uns einen Panzer zulegen, der sich in neurotischen Psychodramen, Depressionen, aggressivem Verhalten, OhnmachtsgefŸhlen und GefŸhlskŠlte manifestiert oder in noch drastischeren Formen von psychotischem Verhalten. Wir kšnnen auf der spirituellen Ebene reagieren, indem wir taub und abgestumpft werden, ohne ein Bewusstsein dafŸr, dass wir untrennbar verbunden sind mit der ewigen und  unendlichen Quelle der Liebe und des Bewusstseins, allgemein bekannt als Gott.

 

Normalerweise Ÿberleben wir die Verletzung, nicht genug geliebt worden zu sein, indem wir in diesen drei Bereichen unseres Lebens weniger wachsen. Wir nŠhren und lieben unseren Kšrper nicht so gut, wie wir kšnnten; wir setzen uns so lange unter psychischen Stress, bis es unertrŠglich wird, und sind so beschŠftigt, dass wir keine Zeit mehr finden, um aus der Verbindung zum Gšttlichen genŠhrt zu werden, dem Geist, der uns in unserer Essenz ausmacht. Wenn wir um unserer Selbst willen geliebt werden und nicht, weil wir uns auf bestimmte Weise verhalten, dann lŠdt uns diese Liebe ein, lebendiger zu werden und mehr von uns selbst auszudrŸcken und zu leben. Es ist sehr wichtig, diesen Zusammenhang zu verstehen, weil es dann viel leichter fŸr uns ist, unsere Heilung zuzulassen und anzunehmen, wenn sie geschieht. Wenn wir geliebt werden, fassen wir – ungeachtet unserer Verletzungen – das Vertrauen, uns zu šffnen und wieder zu fŸhlen.

 

Die Liebe weckt uns, um uns zu uns selbst zu fŸhren. Unsere Sinne erwachen, und wir schmecken, sehen, hšren und riechen plštzlich viel intensiver – wir lassen uns wieder berŸhren durch das Leben. Diese BerŸhrung hat wohl die gršsste Auswirkung auf uns. Wir werden nicht nur auf unserer HautoberflŠche berŸhrt oder an der Muskulatur – Liebe berŸhrt uns bis zum Kern unseres Wesens. Sie berŸhrt damit aber auch all unsere Verwundungen. Wir kommen nicht mehr umhin, unseren Schmerz, unsere Wut, unsere €ngste, unsere Trauer, unsere Qualen und unsere Verzweiflung zu spŸren. Doch die Liebe sagt: ÈEs ist in Ordnung – in allem, was du erfŠhrst, bist du schšn. Erlaube dir, alles zu fŸhlen. Lass es zu einem Teil deines Liedes werden! Du bist hier, um dein Lied zu singen und deinen Tanz zu tanzen. Auch wenn dein Lied und dein Tanz schwere und traurige Themen haben mšgen – verleugne und unterdrŸcke sie nicht. Es mag Seiten deines Wesens geben, die du nie akzeptiert und jahrelang ausgeschlossen hast. Sie haben dich unterschwellig immer weiter gequŠlt, dich klein und Šngstlich gehalten, dich einsam werden lassen und vom Leben isoliert. Hšr auf, sie auszuschliessen! Deine Verletzungen sind auch deine Ressourcen. Wenn du lernst, sie mehr und mehr zuzulassen, kšnnen sie zu feinen, sensiblen Antennen werden, die dir helfen, andere zu verstehen und zu akzeptieren.

 

Doch unsere Verletzungen, die jetzt an die OberflŠche kommen, schmerzen. Es ist unvermeidlich, dass uns der Weg zur Heilung durch Liebe zuerst den GefŸhlen nŠher bringt, mit denen wir am wenigsten zu tun haben wollen. Wir sind gerade mit den GefŸhlen und Erlebnissen konfrontiert, die uns misstrauisch haben werden lassen und die wir jahrelang zu unterdrŸcken und zu kontrollieren lernten. Deswegen kann sich Liebe so gefŠhrlich anfŸhlen. Gleichzeitig bedeutet das Geliebtwerden, dass wir uns all den GefŸhlen šffnen, die wir bisher als zu gefŠhrlich angesehen haben. Die Liebe gibt uns das Vertrauen, sie zuzulassen.

 

Doch warum sollten wir das alles spŸren? Weil es so ist! Wenn wir das erkennen, stehen wir vor der TŸr zur Erleuchtung. Hier und jetzt zu sein heisst mit dem zu sein, was ist. Die einzige Art, vollkommen prŠsent zu sein, mit allem, was ist, bedeutet, all das anzunehmen, was dich im jeweiligen Moment ausmacht. Wenn voller TrŠnen bist, lass sie zu. Wenn du zornig bist, fŸhl das Feuer der Wut. Wenn du sexuell erregt bist, spŸr deine Aufregung. Wenn du glŸcklich bist, dann strahle. Heilung bedeutet, unserer inneren Wetterlage zu vertrauen und sie zuzulassen.

 

Wenn wir uns eine Zeit lang immer weiter von der Liebe berŸhren lassen, šffnen wir uns nach und nach den subtileren und tieferen SeinzustŠnden. Die Liebe lŠdt uns ein, weiter zu gehen. An einem gewissen Punkt bemerken wir, dass unsere FŠhigkeit des Erlebens unendlich gross ist. Wir šffnen uns der Grenzenlosigkeit unserer GefŸhle und unserer Lebenserfahrungen, und all dies kann nur hier und jetzt geschehen, in diesem Augenblick. Wir kšnnen nicht die Vergangenheit erleben, wir erinnern uns nur an sie. In der Gegenwart zu sein, bedeutet auch, ausserhalb der Zeit zu stehen. Wir treten aus ihr heraus, hinein in die Ewigkeit des Augenblicks – und erkennen plštzlich, dass wir nicht mehr getrennt sind von allem, was da ist. Alles eins, allein – nicht einsam! Einsamkeit ist ein Zustand des Getrenntseins von uns selbst und daher auch von allem, was ist. Alleinsein heisst, offen zu sein fŸr alles, was wir sind, und demzufolge auch erwacht zu sein gegenŸber allem, was ist, hier und jetzt. All dies zu sein, heisst zu lieben, denn die Liebe ist das Ja zum Leben in all seinen Formen. Unser Weg zur Heilung bringt uns in Kontakt mit der Liebe – egal, wie sehr wir verletzt wurden.

 

Liebe heilt uns nicht nur, sie macht uns zu Heilern, zu liebenden Menschen, in deren Gegenwart sich andere geliebt und eingeladen fŸhlen, ihr eigenes Wesen zu šffnen und so am Ende selbst in Liebe zu leben. Das ist es, was ich an diesem ganzen Weg am eindrucksvollsten finde: Wenn wir uns schliesslich dem Geschenk unseres Seins hingeben – der Einheit von Kšrper, Herz, Geist und Seele – und dabei erfahren, was es heisst, zu lieben und geliebt zu werden, entdecken wir, dass das Lieben sogar noch schšner ist als das Geliebtwerden! Das liegt daran, dass wir beim Geliebtwerden abhŠngig sind von denen, die uns lieben. Ihre Liebe lŠsst uns blŸhen und gedeihen – wir brauchen sie dafŸr. Wenn jedoch die Liebe, die wir erfahren, uns fŸr das reine Sein šffnet, erkennen wir, dass wir diese Liebe sind. Es ist dann immer noch schšn, von jemandem geliebt zu werden – aber jetzt ist es auch unsere eigene Liebe. Selbst in finsteren Momenten, die weiterhin geben kann, wird uns die Liebe zuflŸstern, dass es in Ordnung ist, so zu fŸhlen, dabei zu bleiben, zu vertrauen, zu akzeptieren und alles einzubeziehen, was es gibt – weil es existiert. Das ist fŸr mich die Bedeutung der ÈLiebe GottesÇ. Es ist unsere Heimkehr zu der Erkenntnis, dass unser Hiersein Liebe bedeutet – und das ist die Natur der Unendlichkeit.

 

© Alan Lowen 2000