von Alan Lowen
†bersetzung: Susann
Pasztor
Es ist nichts
Sexuelles, was unseren Sex tiefer, reicher oder hochfliegender macht. Es geht
darum, wie prŠsent wir sind! Sofern wir mehr wollen als nur kšrperlichen Sex,
suchen wir auch bei unseren Partnern danach, weil wir intuitiv wissen, dass wir
ohne PrŠsenz keine IntimitŠt und keine Ekstase erleben kšnnen.
Im normalen
Alltagsleben sind wir oft nicht ganz prŠsent. Wir denken mehr, als dass wir
wahrnehmen und fźhlen, und deshalb entgeht uns natźrlich eine Menge. Kaum
weiter źberraschend, dass es uns auch in der Liebe passiert, obwohl es gerade
das Wahrnehmen und Fźhlen ist, was uns anturnt! Wie auch immer es dazu kam
– und das ist fźr jeden von uns eine sehr persšnliche Lebensgeschichte:
Wir neigen dazu, nicht ganz offen zu sein. Einige Teile unseres inneren Reichs
sind verschlossen. Falls wir eine schwierige Kindheit hatten, mag dies eine Art
von Selbstschutz gewesen sein oder geschah, weil wir das Vertrauen verloren
– oder es ist vielleicht nur deshalb passiert, weil niemand unser
empfindsames, fźhlendes Wesen nŠhrte, als wir heranwuchsen.
Mag sein, dass wir
sogar wissen, dass wir ein wenig verschlossen sind, aber wie so oft haben wir
keine Ahnung, dass wir unser eigenes Erleben begrenzen! Ich wei§ noch gut, fźr
wie offen ich mich in meinen Zwanzigern hielt. Eines magischen,
transformierenden Tages entdeckte ich, dass ich bisher nur von Gedanken gelebt
hatte. Das war der Tag, an dem mein wahres Leben begann, und obwohl ich erst 20
Jahre spŠter einen Namen dafźr fand, war das der Tag, an dem The Art of Being,
die Kunst des Seins geboren wurde. Nur wenn etwas passiert, das uns bewusst
macht, dass etwas fehlt, merken wir, dass es eine Lźcke in unserem Dasein
gegeben hat. Dann erleben wir einen jener ăOh Gott, was hab ich denn nur mein
ganzes Leben gemacht?Ň-Momente, die nicht nur voller Ekstase sind, sondern die
uns fźr immer verŠndern. Plštzlich sind wir mehr als wir je zuvor waren, und
genauso erfahren wir das Leben im Hier und Jetzt. Alles, was wir vorher hatten,
gehšrt immer noch uns, aber es ist Teil eines viel grš§eren Geschehens
geworden.
So verhŠlt es sich
auch in unserem sexuellen Leben. Wenn wir sehr verschlossen sind, ist Sex das
einzige, was an Sex zŠhlt. Wenn wir uns šffnen, wird Sex eingewoben in die
neuen RŠume, fźr die wir uns šffnen. Diese RŠume sind endlos. Wenn wir
beispielsweise gelernt haben, unsere leidenschaftliche Freude zu verwŠssern und
uns durch besondere UmstŠnde plštzlich wieder unsere Freude erlauben kšnnen,
verwandelt sich nicht nur unser Erleben von sexueller IntimitŠt. Wir begegnen
auch neuen und immer tieferen Mšglichkeiten. Wir kšnnen in unserer Freude einen
Brunnen von TrŠnen finden. Wenn wir den Mut haben, uns in seine geheimnisvolle
Traurigkeit fallen zu lassen, begegnen wir QualitŠten wie Zartheit und
Verletzlichkeit. Sie vertiefen unser Erleben von Ekstase auf eine Weise, die
wir uns vorher nie hŠtten trŠumen lassen.
Tantra entspricht
im Wesentlichen diesem inneren Prozess. Es geht dabei nicht um Techniken. Das
wahre Abenteuer beim Tantra hei§t, sich grenzenlos zu šffnen, bis wir unsere
persšnlichen BeschrŠnkungen transzendiert haben. Wenn wir in sexueller
IntimitŠt ertrinken, verschwinden wir im Gšttlichen. ăGate, gate, paragate,
parasam gate, Bodhiswaha!Ň – das bedeutet: ăGegangen, gegangen, ans
andere Ufer gegangen, gŠnzlich hinźber gelangt. Welche Ekstase!Ň Dieses
erhabene Mantra aus dem buddhistischen Herz-Sutra preist die Hingabe, die unser
einziger Weg ist, um eins mit dem Geist der Unendlichkeit zu werden –
unsere einzige Mšglichkeit, Gott zu begegnen. Wie beim Tod kšnnen wir selbst
nichts tun. Wir kšnnen nur loslassen. Uns dem Geist zu šffnen ist unschuldiger
als alles, was wir tun kšnnten. Wir kšnnen ein Gebet sein. Wir kšnnen
vertrauen. Irgendetwas zu tun wźrde hšchstens unserem eigenen Willen Geltung
verschaffen, und genau der steht im Weg. ăDein Wille gescheheŇ fasst die Essenz
zusammen – nicht nur von Jesus, der zum Christus wird, sondern von jeder
spirituellen Vereinigung. Genauso geschieht es beim Liebemachen. Beim …ffnen
lšsen wir unsere psychischen und physischen WiderstŠnde auf. Wir feiern unsere
Natur und steigen spiralfšrmig vom Sex in den Geist auf. Das ist Tantra.
© Alan Lowen 2009