Was glaubst du,
wer du bist?
von Alan Lowen, GrŸnder von The Art of Being¨
Translated by Susann P‡sztor
Unsere Zivilisation legt
immensen Wert darauf, was jeder denkt. Das ist nicht weiter Ÿberraschend. Wir
alle gehen zur Schule und verbringen unsere lebendigsten und quirligsten Jahre
damit, zu lernen, einen Gro§teil der wilden Energien zu unterdrŸcken, die durch
unsere Kšrper stršmen, und die etwas verrŸckten SehnsŸchte unserer Seelen zu bŠndigen.
Stattdessen lernen wir, das Leben zu DENKEN, und natŸrlich wachsen wir denkend
auf – so, wie wir zu denken gelernt haben.
Es erstaunt mich immer
wieder, dass trotz aller Offensichtlichkeit die meisten Leute nicht erkennen,
dass ihr Art zu denken vorgefertigt ist: Wei§e amerikanische SŸdstaatler haben
ganz andere Einstellungen und Glaubenssysteme als, sagen wir, Kalifornier.
Katholiken haben ihre eigene Denkart, Juden die ihre, christliche
Fundamentalisten ebenso. Kinder von Eltern der wilden 60er Jahre haben eine
ganz andere Lebenseinstellung als die Kinder von Rechtskonservativen; die fixen
Ideen der Schweizer unterscheiden sich všllig von den idŽes fixes der Franzosen oder der Deutschen, und die
englische Konditionierung ist wieder eine andere. Zum Teil wird das Denken von
der Familie geformt, zum Teil durch Schule und Gesellschaft, durch Religion,
Nation oder Rasse. Dann sind da noch die Medien mit ihrem gemeinsamen Programm
fŸr die Welt: Menschen = Geld. Je
mehr jeder auf Konsum ausgerichtet ist, um so besser – ungeachtet der
Konsequenzen. Unsere Art zu denken wird auch durch all die typischen Dinge geformt,
die uns auf dem Weg zum Erwachsenwerden begegnen – traumatische
Erfahrungen wie Krankheiten, UnfŠlle, zerstšrte Familien, Missbrauch, Gewalt,
Naturkatastrophen – ebenso wie die positiven EinflŸsse durch GlŸck und
die tiefen Auswirkungen eines Aufwachsens in Liebe, Sicherheit und FŸrsorge.
Indem all die Šu§erlichen
Lernerfahrungen und EinflŸsse und unsere angeborene Natur aufeinander
einwirken, bildet sich unsere Persšnlichkeit heraus und mit ihr die Art, wie
wir das Leben wahrnehmen, Tag fŸr Tag. Wir wachsen hinein in das KostŸm unserer
Persšnlichkeit, unser eigenes Gemisch aus unzŠhligen Mšglichkeiten, das uns
antreibt, sorglos zu sein, konkurrierend, verklemmt, rigide, liberal,
leidenschaftlich, verspielt, getrieben, lethargisch, umgŠnglich, narzisstisch É Ebenso ist es bei Katholiken, Hindus,
Brasilianern, Afghanen und so weiter. Es gibt ebenso viele Kombinationsmšglichkeiten
wie Menschen, die je gelebt haben.
Trotz unserer essenziellen
Einzigartigkeit als Wesen tragen wir Stammeskleidung, ebenso wie die
Eigenschaften, Gewohnheiten und Riten, die damit einhergehen. Das gilt fŸr die
Anzug-und-Krawatten-Unternehmer ebenso wie fŸr Beduinen in Djellabahs oder mich
in meinen Jeans. Eines der sehr menschlichen Kennzeichen unseres Stammessystems
ist, dass wir diejenigen, die zu unserem eigenen Stamm gehšren, anderen
vorziehen. Auf nationaler, religišser und politischer Ebene ist das ganz
offensichtlich: Unsere gesamte Geschichte ist eine Litanei der Kriege und
Verfolgungen im Namen Gottes, der Heimat und der Ideologie. Dass das
Stammessystem sogar die ganz persšnlichen Bereiche unserer sozialen
Interaktionen infiziert, ist nicht weiter verwunderlich. Der Grundsatz eines
Stammessystems besagt, dass ich und meine Verwandten Recht haben und du und die
deinen Unrecht – oder zumindest weniger Recht. All unsere
Auseinandersetzungen, die wir miteinander fŸhren, all die Unfreundlichkeiten
zwischen den Menschen und sozialen Gruppen – das ZurŸckschlagen,
Beschuldigen, EinschŸchtern und alle Formen des Missbrauchs – stammen aus
dieser tiefen ãIch und meine VerwandtenÒ-Grausamkeit, die wahrscheinlich vor
Millionen Jahren unser †berleben gesichert hat und heutzutage auf jeder Ebene
unseres Miteinanders unbewusst ausagiert wird. In den meisten von uns ist sie
inzwischen gezŠhmt – mehr oder weniger. Wir sind sozialisiert und
domestiziert und entsprechend verŠngstigt, wenn die UngezŠhmten unter uns zurŸckkehren
zu der alten Barbarei, die immer noch in unserem Blut zirkuliert. Die meisten
von uns haben gelernt, die Grausamkeit in sozial akzeptablen Formen zu
kanalisieren, wo sie sich widerspiegelt in den Sportarten, die wir betreiben,
den Witzen, die uns gefallen, bis hin zu der Partei, die wir wŠhlen.
Und genau hier liegt die
Crux des Ganzen. Ob unsere Persšnlichkeit hell, dunkel oder regenbogenfarben
ist: So lange sie alles ist, was wir kennen, sind wir durch sie fixiert –
in unserem Denken, FŸhlen und unserem Verhalten. So lange wir nichts anderes
erfahren haben, glauben wir, unsere Persšnlichkeit sei, wer wir sind, und funktionieren
dementsprechend. Durch sie wird geprŠgt, wie wir von Moment zu Moment
erscheinen, so wie die Musik bei einem Konzert durch das Orchester
hervorgebracht wird. Eine hilfreiche Analogie: Die Musik steht bereits fest,
bevor eine einzige Note gespielt wird; das Orchester spielt die Musik, auf die
es sich vorbereitet hat. Genauso ist es mit der Persšnlichkeit – wir
spielen die Musik, die wir eingeŸbt haben. Je nachdem, wie steif das KostŸm
unserer Persšnlichkeit ist, haben wir mehr oder weniger Raum fŸr Improvisationen,
aber im Wesentlichen bleiben wir innerhalb der Grenzen, wie wir unser StŸck zu
spielen gelernt haben.
Die grš§te Spaltung in der
heutigen Welt ist nicht die zwischen feindlichen Nationen, Religionen oder
politischen MŠchten. Sie alle sind Manifestationen der Persšnlichkeiten von
Menschen. Die Spaltung, die tatsŠchlich die Menschheit voneinander trennt, verlŠuft
zwischen denen, die sich Ÿber ihre Persšnlichkeit definieren und unbeirrt daran
glauben, dass sie das sind, und denen, die erkannt haben, dass ihre Persšnlichkeit
nur ein KostŸm ist (oder sogar ein ganzer Kleiderschrank!). DIES KANN NICHT WIE
EINE INTELLEKTUELLE IDEE VERSTANDEN WERDEN. Man kann es als Idee begreifen,
aber das hei§t nur, dass wir GLAUBEN, zu wissen. Zu glauben, dass wir wissen,
ist einer der Wege, wie wir uns zu befriedigen versuchen, wŠhrend wir das
unbefriedigte Leben einer Persšnlichkeit leben. Ein erfŸlltes Leben in unserer
Persšnlichkeit ist unmšglich, denn die Persšnlichkeit hat keine Seele. Sie hat
kein echtes Leben in sich, genauso wenig wie die Kleider, die wir tragen,
lebendig sind. Das ganze Leben ist in dem, der die Kleider trŠgt; all unser
echtes Leben ist in dem, der sich in unserer Persšnlichkeit versteckt.
Herauszutreten aus der
Persšnlichkeit und dort hineinzugehen ist der Moment, in dem wir werden, wer
wir wirklich sind. Das ist das einzige und grš§te transformierende Erlebnis im
Leben eines jeden Menschen. Es ist der Moment der wirklichen Erwachens. Das hei§t
nicht, dass wir dann erleuchtet sind, sondern es hei§t, dass wir von diesem
Augenblick an eine andere Einstellung zum Leben haben. Wir haben die
Wirklichkeit unseres Seins erfahren, und selbst wenn wir von Zeit zu Zeit den
Kontakt zu uns verlieren, sehen wir unsere eigenen Persšnlichkeit und die der
anderen als das, was sie ist. Wir sehen, dass alle Einstellungen, Meinungen und
GlaubenssŠtze, ob unsere oder die von ãdenenÒ, zwischen jeder unserer
Begegnungen stehen. Wir alle stecken fest in derselben AbsurditŠt, STREITEN MIT
DEN KOST†MEN DER ANDEREN und merken Ÿberhaupt nicht, dass da niemand zuhause
ist. Da ist niemand zuhause, weil wir, solange wir nicht aufwachen, glauben,
wir wŠren unsere Kleider!
Das wŠre hšchstens grotesk
– was es oft auch ist –, wŠre da nicht die Tatsache, dass wenn
alles, was wir haben, unser KostŸm ist, wir seinetwegen immer wieder alles tun
wŸrden. Dann wird der Traum zum Alptraum, fŸr uns und fŸr andere. Um das zu
verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass wir immer Angst haben mŸssen,
so lange wir mit der Illusion leben, wir wŠren unsere Persšnlichkeit. Wir mŸssen
es nicht direkt zeigen. Wir mŸssen es nicht einmal wissen. Die Angst ist da,
weil wir tief innen wissen, dass etwas verkehrt ist. In unserer Seele wissen
wir, dass wir nicht das KostŸm sind. Wir wissen nur nicht, wie wir zu uns nach
Hause kommen kšnnen, und deshalb versuchen wir verzweifelt, an das KostŸm
unserer Persšnlichkeit zu glauben.
Der ultimative Wahnsinn
der Persšnlichkeit ist die †berzeugung, mit der sie an sich selbst und an die
eigenen Sicht der Dinge glaubt – und deswegen wird sie alles tun, um die
Show am Laufen zu halten. Es ist dieser Zwang, alles mŸsse so sein, wie sie es
will, der all das Elend verursacht. In globaler Hinsicht wird dieser Irrsinn
gerade ausgelebt im US-Irak-UN-Al-Quaida-Israel-Arabien-Morast des politischen,
religišsen und finanziellen Wettbewerbs. Alle involvierten Persšnlichkeiten
glauben an ihr Recht, und alle wollen gewinnen, WAS IMMER ES KOSTEN MAG: Und
das ist das Elend! Die gleiche Geschichte passiert in unseren persšnlichen
Beziehungen miteinander, so lange wir in unseren Persšnlichkeiten feststecken.
Wir schaffen Elend fŸr uns und miteinander durch unser Beharren, alles mŸsse so
sein, wie wir es haben wollen. Wir streiten und verletzen uns; wir bestrafen,
weisen ab, verurteilen und missbrauchen einander – und alles, weil wir
uns von Persšnlichkeit zu Persšnlichkeit beziehen. Gut, wir nehmen uns
normalerweise nicht das Recht, uns gegenseitig oder andere, die zufŠllig
unseren Bomben oder Gewehren im Weg stehen, zu vernichten – aber so lange
wir als Persšnlichkeiten funktionieren statt als Wesen, sind wir gewisserma§en
dafŸr verantwortlich, FŸhrer hervorzubringen, die sich tatsŠchlich dieses Recht
nehmen. Bush, Blair, Bin Laden, Hussein, Sharon, Arafat und all die Menschen um
sie herum, die die Ursachen der Konflikte unterstŸtzen, sind alle vereint in
ihrem fanatischen Glauben an die eigene IdentitŠt. Sie glauben, sie wŠren die
KostŸme, die sie tragen! Sie sind nichts anderes als verschiedene Teams, die
das gleiche Spiel spielen. WŸrde einer von ihnen jemals aufwachen, wŸrden sie
einen Blick auf ihr Treiben werfen und damit aufhšren.
Jeder von uns muss
erkennen, dass die eigene UnfŠhigkeit, dies zu tun, unser eigenes Gefangensein
im Persšnlichkeitsspiel widerspiegelt. Wie kšnnen wir also die Welt verŠndern?
ZunŠchst, indem wir aufwachen aus unserem Wahn, unsere Persšnlichkeit sei, wer
wir sind. Dieses Erwachen ist zudem eine Freude, weil der Glaube, wir seien
unsere KostŸme, uns isoliert. Wir leben getrennt von der wahren Quelle unseres
GlŸcks. Die Quelle ist unser Sein, unsere bewusste PrŠsenz im Hier und Jetzt.
Hier kšnnen wir alles fŸhlen. Wir nehmen alles wahr. Wir sind intuitiv weise.
Vor allem aber lieben wir, weil das Erwachen fŸr das Herz ebenso wie fŸr Kšrper
und Seele gilt. Erwachen ist, als wŸrde sich jedes einzelne Atom in uns mit
machtvoller Liebe allem, was im Leben geschieht, bewusst. Wenn wir wach sind,
lieben wir, weil es nicht mšglich ist, im Hier und Jetzt zu sein, ohne zu
lieben. Wenn wir wach sind, durchschauen wir den Wahnsinn und die AbsurditŠt
all unserer KŠmpfe und Auseinandersetzungen miteinander. Vielleicht wissen wir
nicht, was wir tun sollen, aber wir wissen garantiert, was wir nicht tun
sollen. Wir werden nicht in den Krieg ziehen, um einen mšglichen Krieg zu
verhindern. Wir werden uns nicht der alten Barbarei beugen. Wir werden keinen
Kampf wŠhlen, blo§ weil wir keine Alternative sehen. Wir werden nach der
Alternative suchen – von ganzem Herzen, mit Liebe, mit Demut und mit
bewusster RŸcksicht auf ALLE WESEN.
© Alan Lowen 2003