von Alan Lowen, GrŸnder von The Art of Being¨
Translated by Susann P‡sztor
Ich fŸhle mich, als hŠtte
ich die letzten zwei Jahre damit verbracht, die Welt zu umsegeln, um wieder zurŸck
nach Hause zu kehren. Vor zwei Jahren musste ich die Art of Being loslassen. An
dem, was die Teilnehmer in meinen Workshops erlebten, gab es nichts
auszusetzen, und das Lehren machte mir genauso viel Freude wie zuvor. Und
trotzdem war da eines Tages das Wissen, das von einem tieferen Ort kam, als mir
zugŠnglich war, dass ich gehen musste. Ich war an einem Punkt angelangt, wo ich
nur noch in meinen Workshops wirklichen Frieden fŸhlte. In meinem Privatleben
war ich am Boden. Ich war erschšpft, und ich hatte meine IntegritŠt verloren,
weil ich eine Frau betrogen hatte, die ich zutiefst liebte, und damit unsere
Beziehung zerstšrt hatte. Mein mit Workshops gefŸllter Terminplan und die
Monate unterwegs, die damit einhergingen, waren zu einem Marathon geworden mit
einer Ziellinie, die immer weiter in der Ferne verschwand.
FŸr kurze Zeit dachte ich,
ich wŸrde ganz und gar und fŸr immer mit dem Lehren aufhšren. Damals brauchte
ich die Vorstellung! Als ich mich fŸrs Aufhšren entschieden hatte, wurde jedoch
bald klar, dass es im wesentlichen fŸr mich darum ging, etwas in mir selbst zu
durchlaufen, ohne zu wissen, was dabei herauskommen wŸrde. Ich fand jemanden,
dessen FŸhrung ich mich anvertraute, verpflichtete mich meiner Reise und
richtete ein Jahr lang meine Aufmerksamkeit nach innen, hinein in den Schmerz,
die Angst und die Trauer, worunter ich trotz all der inneren Arbeit, die schon
hinter mir lag, im tiefsten Kern meines Lebens immer noch litt. Es war nicht
schwer, dorthin zu gelangen. Ich war viele Male zuvor dort gewesen. Ich musste
nur noch weiter gehen, noch tiefer hinab. Ich hatte das GefŸhl, dass dort etwas
vergraben war, von dem ich immer gewusst hatte, dass es darauf wartete, von mir
ans Licht gebracht zu werden. Meine Odyssee, meine Aufgabe war es, von ganzem
Herzen zu akzeptieren, was ich herbeigefŸhrt hatte und mir zeigen zu lassen,
wovor ich mich in mir fŸrchtete. Ich musste meine DŠmonen umarmen und mich
anfreunden mit dem, was in meiner inneren Dunkelheit lauerte.
So kšnnen wir unsere
psychischen Wunden heilen. Bevor wir dorthin gelangen, ist das einzige, was wir
von ganzem Herzen tun, unser Klagen! Nach meiner Erfahrung wartet das Leben
immer, bis wir bereit sind, auf unsere Heilungsreise zu gehen, und ãbereitÒ fŸhlt
sich immer an wie: ãNein, bitte nicht!Ò, und die LŸge, die dazugehšrt, hei§t: ãDas
wollte ich nicht!Ò Wir ziehen es vor, uns als unschuldige Opfer zu sehen –
bis wir fallen, bis wir uns hingeben. Dann kann die Wahrheit ans Licht kommen,
und eine neue Tiefe der Freundschaft kann beginnen. Das war es, was ich jetzt
wieder einmal zu tun hatte.
Lozulassen und zu fallen
war eine immense Befreiung. Genauso war auch meine Reise in meine Unterwelt,
selbst wenn die Einsamkeit, der ich in mir begegnete, ebenso erschreckend wie
entsetzlich fŸr mich war. Am meisten erschreckte mich jedoch der, den ich dort
fand. Es war der Geist eines Kindes. Ich fand ihn in einem weitlŠufigen,
unterirdischen GebŠude aus Beton, das aus endlosen Korridoren bestand und
hohlen, kalten, leeren RŠumen ohne Ausgang. Dort lebte er als ein Geist, weil
es ihm nur so gelang, den Horror seiner Verlassenheit nicht zu spŸren.
Stattdessen war er versteinert und ohne Substanz, ein Gespenst. Das war der
Zustand, in den ich geflŸchtet war, um das Waisenhaus zu Ÿberleben, wo ich fŸnf
Jahre meiner Kindheit verbracht hatte. Ihn dort heraus und in mein Leben hineinzuholen war so lebensecht und berŸhrend fŸr
mich, als hŠtte ich ein totes Kind wieder zum Leben erweckt. Viele Wochen lang
ging er immer wieder zurŸck in sein Geisterhaus, nicht etwa, weil es ihm gefiel
– er hatte gro§e Angst davor! –, sondern aus Gewohnheit.
Nach und nach lernte ich, die
VerŠnderungen in meinem normalen Alltagsleben zu spŸren, wenn er wieder einmal
in seiner Grabkammer eingeschlossen war. Ich konnte die KŠlte fŸhlen, das ãWas
kŸmmertÕs mich!Ò. Es war ein Zustand, in dem ich alles tun konnte, was ich
wollte, ohne auf die Dinge und die Menschen zu achten, die ich eigentlich
liebte, denn: ãEs ist okay. Was kŸmmertÕs mich!Ò Wie gut ich das kannte!
Sehr bald jedoch liebte
ich die wachsende Freundschaft zu diesem Geist, wenn ich ihm dabei zusah, wie
er lebendig wurde und die WŠrme, die Verspieltheit, den Humor und die Fršhlichkeit
fand, die ich von mir selber kenne. Es ist schlie§lich nicht so, dass er
Eigenschaften hŠtte, die mir fehlen. Er ist einfach aus seinem einsamen Grab
gekommen und ist eins mit dem Leben, das ich bin. Wordsworth hat gesagt: ãDas
Kind ist Vater des Mannes.Ò Ich wei§, was er meint. Alles, was ich bin, finde
ich in ihm – alles, was er ist, bin ich.
Die Heilung konnte
geschehen, indem ich ihn zurŸck ins Leben zu mir brachte. Er war nur bereit
zu kommen, wenn ich mich um ihn kŸmmerte. Das war es, was ich immer noch lernen musste. Sein Geschenk war, mir
zu zeigen, dass ich sorgen muss fŸr das, was ich liebe, um glŸcklich sein zu
kšnnen. Ich hoffe, ihr kšnnt das
Ausma§ dessen erkennen! Ich habe so sehr geliebt; mein ganzes Leben lang habe
ich geliebt! Wie durch ein Wunder war trotz all der Dinge, die in meiner
Kindheit schief gegangen waren, meine FŠhigkeit zu lieben nicht zerstšrt
worden. Was hingegen zerstšrt wurde, war die FŠhigkeit, fŸr das zu sorgen, was ich liebte! Ich kann auf mein Leben zurŸckblicken
und die unzŠhligen Momente sehen, in denen ich mich weder um die Menschen noch
um die Dinge, die ich liebte, gekŸmmert habe. Mich nicht darum zu kŸmmern hie§,
in Sicherheit zu sein, aber glŸcklich machte es mich nie. Die traurigsten
Dinge, die ich in meinem Leben verursacht habe, alle Dinge, die ich am meisten
bedauere, kommen daher, dass ich mich nicht gekŸmmert habe. Das zeigt, wie
wichtig es ist!
Ich fŸhle mit allen
Menschen, die ich kenne und gekannt habe und die gelernt haben, sich nicht zu kŸmmern.
Es ist eine sehr mŠnnliche Eigenschaft, die Antithese zur Mutterliebe, obwohl
zahllose Menschen, MŠnner wie Frauen, darunter leiden. Es ist so, als wŸrde ein
Kind zu seiner Mutter, seinem Vater oder zu beiden sagen: ãIch kann mein BedŸrfnis
nach eurer Liebe nicht verleugnen, und ich kann mich nicht darauf verlassen,
dass eure Liebe fŸr mich da ist. Und Schei§e, ich liebe euch auch! Also ist es
das beste, ich kŸmmere mich einfach nicht darum!Ò Der aggressive Unterton ist
echt. Sich nicht zu kŸmmern ist sowohl Verteidigung als auch Angriff; meine ãWas
kŸmmertÕs michÒ-Haltung hat mich beschŸtzt und gleichzeitig natŸrlich andere
verletzt. Und das ist es, was mich trifft: die Erkenntnis, dass Abermillionen
von Menschen in der ganzen Welt andere verletzen, vor allem die, die sie lieben
– weil sie gelernt haben, dass ãWas kŸmmertÕs mich!Ò ein Weg ist, um zu Ÿberleben.
Ich erinnere mich an meine
Entdeckung vor beinahe zwanzig Jahren, dass viel von meiner persšnlichen
Motivation fŸr meine Arbeit aus meinem Wunsch nach FŸrsorge unter den Menschen
kam. Ich wollte, dass sie sich so kŸmmerten, wie meine Eltern es nicht getan
hatte, wie meine Lehrer es nicht getan hatten, wie es die Nonnen nicht getan
hatten – ich wollte, dass sie sich kŸmmerten, damit ich glŸcklicher wŸrde.
Was ich Ÿbersah, war mein eigenes ãWas kŸmmertÕs mich!Ò. Es hat mir eine Menge €rger
eingebracht und fŸr mich und andere viel unnštigen Schmerz verursacht; und das
Schlimmste daran war, dass ich im innersten Kern nie aufhšren konnte, mich zu kŸmmern.
Ich hatte es immer getan, also litt ich mehr darunter, als man ahnen konnte,
wenn ich Dinge aus GleichgŸltigkeit tat. Das machte mich unglŸcklich. Und ich
wollte so sehr glŸcklich sein! Das perfekte Dilemma! Es hat mich ein halbes
Leben gekostet zu lernen, dass ich mich weiter kŸmmern muss, egal was
geschieht, wenn ich glŸcklich sein will! Ich fange an, diese letzten zwei Jahre
als einen weiteren herausragenden Meilenstein in meinem Leben zu sehen –
eine jener Episoden, die alles verŠnderten.
Obwohl wir seit fast zwei
Jahren keinerlei Kontakt mehr haben, fŸhle ich allertiefste Dankbarkeit gegenŸber
der Frau, deren kompromisslose Klarheit meinen Fall auslšste. Vielleicht
gelingt es mir eines Tages, mich persšnlich bei dir zu entschuldigen. Das wŠre
gut. Bis dahin mšchte ich allen Menschen, die ich jemals durch mein Nicht-KŸmmern
verletzt habe, sagen, dass es mir leid tut. Ich bitte euch alle um euer VerstŠndnis
und eure Vergebung. Im Gegenzug versuche ich, Liebe und VerstŠndnis statt
Verurteilung fŸr diejenigen zu finden, die andere verletzen, indem sie sich
nicht kŸmmern. Es ist eine Meditation, und keine leichte. Meine eigenen
Erfahrungen helfen sehr.
Und wie kann ich jemals
all den guten Freunden danken, die sich weiterhin gekŸmmert haben – so
oder so? Eine von euch schrieb mir, als sie diesen Text las: ãIch wei§, dass es
Menschen gibt, die weggingen, weil du dich nicht gekŸmmert hast. Ich wei§, dass
es Menschen gibt, die bei dir blieben, weil sie sich kŸmmerten (und die darauf
vertrauten, dass du es auf deine ganz besondere Art ebenfalls getan hast). Ich
spreche nicht nur von mir!Ò Ich mšchte euch allen fŸr euer unglaubliches
Vertrauen danken. Ich meine, dass ich meinen Dank am besten ausdrŸcken kann,
indem auch ich ein Freund bin, der weiter dableibt – so oder so.
Als ich achtzehn war,
schrieb ich ein Gedicht, dessen letzte Zeile lautete: ãUnten an der Wurzel
meines Lebens, dort liegt ein Diamant.Ò Ich habe nach Diamanten geschŸrft.
Befreit und behŸtet, nennt man die Ausstrahlung dieses Diamanten GlŸck. Ich wŸnschte, er wŸrde jedem gehšren. Das Kind in
mir, unrealistisch und frei, sich alles zu wŸnschen, mšchte jeden erreichen,
der gelernt hat, sich nicht zu kŸmmern. Es mšchte ihnen helfen, ihren
vergrabenen Schatz zurŸckzubekommen, so dass sie glŸcklich werden kšnnen und
nicht weiter verderben und zerstšren mŸssen, was sie lieben.
So vieles am Elend dieser
Welt kommt vom ãWas kŸmmertÕs michÒ, und es wird sich immer als Bumerang
erweisen, weil wir uns letztendlich nicht um den gekŸmmert haben, der sagt: ãWas
kŸmmertÕs mich!Ò Das einzig Gute an unseren Qualen ist dann: Wenn es uns nicht
vernichtet, zwingt es uns – wie in meinem Fall –, zu suchen, was
wir verloren haben – nicht nur das Kind in uns, sondern unsere FŸrsorge
fŸr das Kind. Durch unsere Heilung
werden wir zu unserer eigenen Mutter und unserem eigenem Vater!
Wie ich am Anfang schon
sagte: Ich bin um die Welt gezogen, um nach Hause zu kommen. Ich finde mich
dort wieder, wo ich es nicht erwartet habe. Vor zwei Jahren wollte ich mich
nicht mehr um die Art of Being kŸmmern. Ich dachte, ich kšnnte sie fortgeben.
So viel dazu, wo ich damals stand! Jetzt, wieder zuhause, kŸmmere ich mich ganz
selbstverstŠndlich um mein Werk. NatŸrlich! Um glŸcklich zu sein, muss ich fŸr
die Dinge sorgen, die ich liebe.
© Alan Lowen 2005