Zuhšren und die Taubheit des Glaubens

Teil 2: Die Kunst des Seins lernen

von Alan Lowen, GrŸnder von The Art of Being¨

Translated by Susann P‡sztor

 

Obwohl dies die zweite Folge eines Artikels ist, der im vergangenen Newsletter veršffentlicht wurde, ist er in sich abgeschlossen. Im ersten Teil hatte ich betont, wie wichtig es fŸr uns ist, das Zuhšren zu lernen, um glŸcklich mit unserem Leben und unseren Beziehungen zu werden und um Ÿberhaupt eine Chance zu haben, den nationalen und internationalen Konflikt zu lšsen, der zu den Ereignissen des 11. September im vergangenen Jahr fŸhrte und ihnen jetzt folgt. Diesmal geht es um die Bedeutung des Zuhšrens – und wie es geschieht.

 

Jeden Tag, sei es in normalen Alltagssituationen oder im Kreis der Teilnehmer eines Art of Being¨-Workshops, erlebe ich, dass Menschen perfekt funktionieren, sich všllig normal benehmen – und nicht merken, dass sie weder zu sich selbst noch zu anderen Kontakt haben. Paare, Familienmitglieder, enge Freunde: Sie alle kšnnen Beziehungen Ÿber Jahre und Jahrzehnte aufrechterhalten, ohne jemals wirkliche intime Begegnungen miteinander gehabt zu haben, selbst wenn es ihr tiefstes Verlangen ist. Echte IntimitŠt kann nicht stattfinden, wenn die innere Verbindung, die sie erst ermšglicht, unterbrochen ist, wie es bei so vielen Menschen der Fall ist. Aber es ist nicht nur die IntimitŠt mit geliebten Menschen, die uns dann fehlt. Die Unterbrechung beeinflusst jeden einzelnen Moment unseres Lebens genauso radikal, als wŠren wir taub oder blind. Wenn wir sehen und hšren kšnnen, heisst das, dass unsere Augen und Ohren funktionieren. Es heisst auch, dass unsere EindrŸcke vom Leben unbeschreiblich viel reicher sind als ohne Bilder und Tšne. Dasselbe gilt fŸr unsere GefŸhle: Wenn sie funktionieren, ist unsere Erfahrung des Daseins unendlich viel tiefer als ohne sie.

 

Der Unterschied zwischen dem normalen Leben und der AtmosphŠre in einem Workshop ist der, das ersteres diese traurige Situation nicht verŠndern wird: Millionen von Menschen verbringen ihr gesamtes Leben so fern von ihrem inneren Erleben, dass sie oft nicht einmal mehr ihre Sehnsucht fŸhlen kšnnen. Andererseits ist jeder Workshop dazu da, die Verbindung der Menschen zu ihren GefŸhlen, ihrer Natur, ihrem Kšrper, ihrem Sex, ihrem Herzen und ihrem Dasein wiederaufzubauen – und zu der spirituellen Quelle, der sich die Menschen dann šffnen kšnnen, wenn ihr innerer Kreislauf aktiviert ist. Diese Dinge kšnnen geschehen, weil die Sehnsucht erfŸllt wurde.

 

Zuhšren und Sehnsucht sind tief miteinander verbunden. Unsere Sehnsucht ist kostbar, weil sie uns nach ErfŸllung suchen lŠsst. Als erstes tun wir das Offensichtliche: Wir machen das, was unsere Kultur und unser Schulsystem uns beigebracht haben – wir suchen ãda draussenÒ nach ErfŸllung. Wir suchen sie in unserer Arbeit, in unseren Beziehungen, im Sport, in Abenteuern, in intellektuellem Leistungen, im Streben nach Macht, in Sex, Drogen und Alkohol, in Geld und materiellen ReichtŸmern. Die Werbeindustrie blŸht durch die Ausbeutung unserer SehnsŸchte und unseren kindlichen Glauben, dass wir ihre ErfŸllung kaufen kšnnen! Das ist nicht weiter Ÿberraschend. Die Basis unserer menschlichen Natur sind unsere instinktiven Triebe – nach Leben, nach VergnŸgen, nach Macht. Instinkt, Begierde und Macht sind gute westliche Definitionen der ersten drei ãChakrenÒ oder Energiezentren des Menschen: auf natŸrliche Weise miteinander verbunden, bilden sie das ãIch willÒ.

 

ãIch willÒ ist der Treibstoff unseres Lebens. Praktisch alles, was wir tun, fŠngt mit unserem Wollen an; seine Wurzel ist der instinktive Trieb. Damit sind wir nicht allein. Die gesamte Natur pulsiert mit der Energie des ersten Chakras: Der Instinkt ist unsere grundlegende Verbindung zur gesamten Natur. Weil wir ihn in uns selbst missachten, sind wir auch fŠhig, die Natur unseres Planeten zu missachten. Trotzdem ist es letztendlich dieses Wollen in unserer Natur, verwurzelt im Instinkt, das uns zur Entfaltung unseres vollen Potentials antreibt. Sex als reiner Instinkt (1. Chakra) reicht dafŸr nicht aus, und wenn wir genug davon hatten, ist Sex auch keine Begierde mehr (2. Chakra). Macht, die Energie des 3. Chakras, kann uns, wie es scheint, dauerhaft erfassen. Viele Menschen auf der Welt sind fixiert auf ihr Streben nach Macht, und die meisten globalen Probleme der Menschheit basieren auf Konflikten zwischen Menschen, die Macht suchen und sie dafŸr benutzen, um anderen ihre eigenen Vorstellungen aufzudrŸcken, seien sie politisch, religišs, gršssenwahnsinnig oder besitzergreifend – oder einfach reine Gier. Eines Tages jedoch, selbst wenn es ein ganzes Leben dauert, ist auch Macht nicht mehr genug, ist materieller Besitz nicht mehr genug, ist nichts ãda draussenÒ mehr genug.

 

Dann passieren seltsame Dinge: ein Satz; eine Begegnung, die ein tiefes, unbestimmtes Verlangen in uns auslšst; ein Unfall, der uns aus der Bahn wirft und uns zwingt, etwas aus unserem Innenleben wahrzunehmen. Es ist das Leben, das uns mitteilt, dass wir bereit sind fŸr die Reise der Selbsterkenntnis, um das Geschenk unseres Seins aufzuwecken. Diese Reise wird angeregt durch unsere Sehnsucht – ein Abenteuer des wirklichen Lebens, das unser ganzes Sein erfasst und uns in die Unterwelt unserer Leidenschaften fŸhrt, damit wir durch den Mut, alles anzunehmen, was wir in uns fŸrchten, transformiert werden kšnnen. Es geht nicht darum, einfach vom Dunkel ins Licht zu treten, sondern um die Freundschaft mit allem, was sich in unserer inneren Dunkelheit verbirgt, damit wir das ganze wilde Geschenk unseres eigenen Daseins leben kšnnen. Auf dieser Reise mŸssen wir unseren Instinkt, unsere Inspiration, unsere Verzweiflung und unsere Intuition ihren Part Ÿbernehmen und die Abenteuer mitgestalten lassen, die auf uns warten, wenn wir uns fŸr das Geschenk entscheiden, in diesem Kšrper zu leben. So lernen wir nach und nach, unserer inneren FŸhrung zu vertrauen.

 

Deswegen ist so viel Leben und Leidenschaft in den Art of Being-Workshops: Die Abenteuer bekommen genŸgend Raum, um ausgelebt zu werden, so dass die Teilnehmer Vertrauen, Mut und Freundschaft gegenŸber ihren €ngsten und Verletzungen lernen, ebenso wie den Genuss und das Feiern der Annehmlichkeiten ihrer Natur, ihres Herzens und Daseins. Mir ist jedes Mittel recht, um die Teilnehmer aus ihrem entfremdeten Verstand in ihre Ganzheit zu bringen. Mit allem, was ich tue, arbeite ich daran, ihre Trennung von ihren inneren GefŸhlen zu heilen. Das ist nicht immer leicht, wenn sie Angst vor diesen GefŸhlen haben. Die Persšnlichkeit hat geniale Strategien, wenn es darum geht, €ngste nicht zu spŸren. Es ist faszinierend – und manchmal frustrierend – zu beobachten, wie brillant die Persšnlichkeiten der Menschen funktionieren, um sich vor allem zu schŸtzen, was sie zu erleben fŸrchten – ob es in ihnen oder in anderen ist. Deshalb ist es so wertvoll fŸr uns, zuzuhšren, wie wir andere beurteilen. Unsere Urteile zeigen uns ausnahmslos, was wir in uns selbst fŸrchten und ablehnen.

 

Unsere Sehnsucht kennt den Weg nach Hause und weiss, wie wir ErfŸllung finden kšnnen. Alles was sie will ist, dass wir dem zuhšren, was in uns auftaucht. Allem zuzuhšren, was auf natŸrliche Weise in uns geschieht, verbindet uns mit unserer Sehnsucht. Es liegt in unserer Natur, zu fŸhlen, berŸhrt zu sein, zu TrŠnen gerŸhrt zu werden, GelŠchter, sexuelles Begehren, Wut, Freude, Angst, Begeisterung, Trauer zu empfinden. Wenn wir entdecken, dass das in Ordnung ist, wird das Zuhšren fŸr uns kostbar, weil es eine Art Heimkehr ist, uns zu gestatten, unser Innenleben zu fŸhlen. WŠhrend das Zuhšren allmŠhlich zu unserer Daseinsform wird, wŠchst gleichzeitig unser VerstŠndnis vom Leben. Wir hšren auf unsere GefŸhle, und wir hšren anderen und allem, was mit unseren GefŸhlen passiert, zu. DafŸr sind sie da! Sie sind ein wesentlicher Bestandteil unserer natŸrlichen Intelligenz, die uns auf  der Reise zur Ganzheit weiterfŸhren. Wir, die wir einst immer von der Existenz getrennt waren, weil wir stŠndig Ÿber das Leben nachdachten, finden uns von unseren GefŸhlen und inneren Sinnen hineingezogen in ein wachsendes Bewusstsein fŸr alles, was hier und jetzt ist.

 

Der Unterschied zwischen Wollen und Sehnsucht liegt im Herzen, dem 4. Chakra. Wollen erleben wir, bevor unser Herz sich šffnet. Sehnsucht ist unser natŸrliches Wollen, ausgeglichen durch Liebe. Es ist die Liebe der inneren Mutter, die einfach ãJaÒ sagt zu allem, dem sie sich zuwendet. Sie akzeptiert die wilde Energie unserer Natur. Wenn unser Herz sich šffnet, wird unser Wollen zur Sehnsucht. Das ist etwas anderes, als etwas oder jemand zu wollen. Unsere liebevolle Akzeptanz erkennt das Wollen in unserer Natur und sagt: ãLass es zu!Ò Durch das Zulassen erkennen wir, dass es nicht um dieses oder jenes geht, sondern viel geheimnisvoller ist als das: Es wird zu dem, was es immer war – zur Sehnsucht in unserer Seele.

 

Unsere FŠhigkeit zu fŸhlen sorgt fŸr das Erwachen unseres Herzens. Unser Herz fŸhrt uns zu unserem Selbst, zum 5. Chakra. Es sagt: ãIch bin.Ò Es ist unsere Stimme, mit der wir metaphorisch unser eigenes Lied singen. Wenn wir offen fŸr unsere gesamte Natur sind und unser Herz zu allem Ja sagt, was wir sind, geschieht der Zauber der Selbsterkenntnis. Es ist beinahe unmšglich, das zu beschreiben. Aber wenn es geschieht, begreifen wir, wonach wir uns gesehnt haben. Im Augenblick unserer Selbsterkenntnis geht unser inneres Licht an, und wir kšnnen auch den Ewigen Geist erkennen in allem, was ist. Wir erleben Ekstase und GlŸckseligkeit, weil wir begreifen, dass wir in unserem Sein untrennbar mit Gott verbunden sind. Wir wissen dann, wie kostbar unsere Natur ist: weil sie den Samen unserer Sehnsucht enthŠlt, der die ganze Zeit wusste, dass wir eines Tages den Weg nach Hause finden wŸrden. Die Reise zur Selbsterkenntnis und zum spirituellen Erwachen wird von unserer Sehnsucht geleitet und dem Lernen des Zuhšrens: Sie beginnt mit dem Instinkt, wird zur Begierde und zum Wollen und entwickelt sich weiter zur Sehnsucht unseres Herzens und unserer Seele. Jeder Schritt auf dem Weg macht all die inneren und Šusseren Abenteuer erforderlich, die wir uns selbst erschaffen, wŠhrend wir uns vorwŠrts kŠmpfen, um ganz zu werden und eins mit dem Geist.

 

Seid Euch klar darŸber, dass dieses Wissen allein nicht hilft! Ich ãwussteÒ zum Beispiel in meinen Zwanzigern, dass die Antwort von innen kommt. Ich konnte kluge Dinge sagen und schlaue Kommentare abgeben. Als ich mich schliesslich auf meine erste Gruppenerfahrung einliess, erwartete ich eher, bewundert zu werden als beeindruckt zu sein. Ich hatte GlŸck. Die Erfahrung warf mich všllig um und demolierte mein Ego fŸr eine Weile. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich ganz mit mir selbst verbunden. Innerhalb von 3 Tagen hatte sich mein Leben fŸr immer verŠndert, weil ich nicht mehr an meinen Ideen, GlaubenssŠtzen, Einstellungen, Meinungen oder irgendeiner meiner intellektuellen Ressourcen festhalten konnte. Ich war schlichtweg gescheitert und fand mich plštzlich zu meiner †berraschung in einer Welt wieder, in der ich nie zuvor gewesen war: ein Land voller vibrierender Lebendigkeit, mit pulsierenden GefŸhlen, Sinnen, Leidenschaften, TrŠnen, Lachen, Libido und einer Unmenge von Einsichten und VerstŠndnis, bei dem sich mein intellektuelles Wissen in Staub auflšste. Das war ich!

 

Heute, dreissig Jahre spŠter, sind meine intellektuellen Ressourcen in guter Verfassung. Das waren sie immer! Nichts ausser alten Lasten ist verlorengegangen auf der Reise ins Erwachen; die inneren Quellen ordnen sich lediglich neu, so dass mehr Lebendigkeit und Spiel in unser Dasein kommt. Wir werden immer kreativer, freier und strahlender, je weiter wir auf diesem Weg vorankommen. Dasein. Deines. Meines. Gottes! Das ist meine Leidenschaft. Einen Raum dafŸr zu schaffen ist der Ausdruck meiner Sehnsucht nach einem Leben, in dem Wahrheit, Liebe, MitgefŸhl, Akzeptanz, Vertrauen, Mut, Humor, Schšnheit, KreativitŠt und der Geist der Ewigkeit in uns, zwischen uns und unter uns tanzen kšnnen.

© Alan Lowen 2001